Scheinheilig
Festgottesdienst. Die Kollekte wird eingesammelt. Der Festredner sitzt zwischen Dekan und Ortsgeistlichen. Alle suchen unter ihrem Talar nach der Geldbörse. Nur der Gastsprecher wird fündig. Die Kollekte ist für seine Arbeit bestimmt. Seine Kollegen suchen vergeblich. "Kannst Du uns was leihen?" Kein Problem für den Gastredner. Bereitwillig gibt er den Beiden die größten Geldscheine, die er in seinem Portemonaie hat. Die Augen weiten sich ob solch einer großzügigen Spende. Ich hätte mich fast weggeschmissen. Richtig, ich saß in der Mitte. So wurde aus einem Scheinheiligen ein "Heiliger"! Wie das geht? Ganz einfach, Scheine abgeben. Aber Scherz beiseite. Leider bleiben viele von uns Trinkgeldgeber. In den wichtigen Dingen unseres Lebens hat Gott doch wenig zu sagen, oder? Natürlich kann ich das nicht mit ein paar Scheinen regeln. Moses hörte in der Wüste Gottes Stimme. Gott begegnete dem Mörder nach vierzig Jahren der Flucht. Gott forderte ihn auf, seine Schuhe auszuziehen. Eine mörderische Aufforderung in einem tödlichen Umfeld von Schlangen, zumal der brennende Busch die Gefahr förmlich vervielfachte. Sich vor Gott nackt zu machen, heißt jedoch nicht schutzlos zu sein. Wann werde ich das endlich verstehen? Dass er mich in meiner Nacktheit nicht dem Spott aussetzt, sondern mich mit den Kleidern des Heils und der Heilung beschenken will? Ach ja, bevor ich es vergesse, ich war meine "Scheine" natürlich nicht los, sondern habe sie sogar doppelt zurückbekommen. Ein echtes Vermehrungswunder. So was macht Gott manchmal wenn wir ihm vertrauen.


first-supper - 15. Sep, 15:22